Verspochen
Alles ist miteinander verwoben.
    
Meiner Tante Dieta (Dietlinde *1923 - 2013) hatte ich versprochen, ihre in einem Buch geschriebenen Jugenderinnerungen, allen interessierten Menschen zu zeigen.

Das Leben war oft sehr hart zu ihr. Sie wollte nicht das alles in Vergessenheit gerät, dass sie vergessen wird.
             
               
               
              
               
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Jugenderinnerungen von Dieta von 1923 bis 1939

 

Meine Mutter
             
               

             
Dorette Blümel, hier noch unverheiratet und ohne Kind
             
               
erzählte: Unsere erste Wohnung war in der Mansarde in einem maroden Fachwerkhaus in der Heinestrasse. Wir hatten ein Zimmer als Schlaf- und Wohnzimmer, aber das war nur im Sommer zu benützen weil wir uns im Winter nicht leisten konnten den Ofen zu heizen. Die Küche war unter der Dachschräge. Wenn Mama vom Küchentisch zum Herd wollte musste sie sich immer erst unter einem schrägen Balken durchbücken. In der Küche spielte sich alles ab. Kochen, Wäsche waschen und trocknen.
             
               

             
Info von der Bildrückseite - Dieta mit Mutter in Mariasping bei Bovenden
             
               
Mein Vater war nie zu Hause, er hatte seine Jugend noch, er war 1918 noch zum Militär eingezogen worden.              
               

             
Info von der Bildrückseite - 1 Weltkrieg 1918 Karl Plaut, 17 Jahre alt
             
               
Meine Mutter war 1927 schwanger mit meiner Schwester und wir warteten dringend darauf das bei Opa Plaut in der Neustadt eine Wohnung frei wurde für uns. Zu der Zeit war ich 4 Jahre alt und man hatte mir beigebracht meinen Namen und Wohnort zu sagen denn ich machte mich öfters mal alleine auf den Weg zu Oma. Mama hatte Angst um mich, denn die Heinestrasse war gefährlich 2 mal täglich kam die Gartetalbahn von Reinhausen über die Dörfer mit lautem bimmeln              
               
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durchgefahren. Endstation war unterhalb des Bahnhofes, wo heute die Postbusse halten. Die Wohnung in der Heinestrasse war ein Flohparadies. Nachts zogen wir die Nachthemden an und knackten Flöhe.
             
               
Nachdem meine Schwester geboren war bekamen wir eine Wohnung in der Neustadt im Hinterhaus 2. Etage. Unsere Küche bestand aus einem schmalen Küchenschrank, Tisch und 4 Stühlen, 1 Kohlenherd, daneben eine Holzkiste und 1 Wasserbank mit zwei Eimern, 1 Eimer für Frischwasser, der andere für Schmutzwasser, denn eine Wasserleitung hatten wir nicht. Wir hatten auch kein elektrisches Licht sondern eine Petroleumlampe! Wir gingen mit den Hühnern schlafen und standen mit dem Hahnschrei wieder auf. Vom Küchenfenster hatten wir einen schönen Ausblick über die Gärtnerei Starke mit den vielen Blumen und Gewächshäusern, denn Blumen aus Holland gab es nicht, jede Pflanze wurde vom Gärtner selbst gezogen. Unsere Wohnung duftete wunderbar nach Bohnerwachs wenn ich das rieche kehren meine Erinnerungen zurück und die Arbeit mit dem Fußboden polieren.              
               
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Die Bewohner im Hinterhaus: Unser Opa und Oma (Plaut)
             
               
               
Info von der Bildrückseite - Mama Plaut und Sohn Karl, Anna geb. Müller, Göttingen Jakobi Kirche              
               
wohnte Elli Köwing und ihr Putchen im Durchgang. Elli war sehr Kinderlieb, sie hatte knallrote Haare und war vor ihrer Heirat mit Putchen eine Dame aus dem Puff gewesen aber nun war sie Gesellschaftsfähig geworden. Dann wohnte Fräulein Witte mit ihrer kleinen Tochter darin. Fräulein Witte hatte ein zu kurzes Bein und trug daher einen hohen Schuh. Sie verdiente sich ihr Geld mit Näh- und Flickarbeiten.

Über uns wohnte die Katzenjule, wie viel Katzen sie hatte wusste wir nicht, die Katzen gingen wohl zum Dach raus und rein. Wir durften nicht zu ihr. Am liebsten saß ich bei Opa in der Schusterbude. Wir unterhielten uns kaum, er hatte seine dicke Zigarre im Mund ich passte genau auf wie er die Schuhe reparierte. Die sahen auch schlimm aus, es wurde ein Flicken über den Anderen genäht.

Unsere einzige Wasserleitung war im Hof, auch der Gully. Im Winter war die Leitung immer zugefroren und Karl musste mit der Lötlampe alles auftauen. Die Plumpsklos wurden 2x jährlich von der Stadt ausgepumpt. Einmal war ein 2 Jahre alter Junge darin ertrunken.

             

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Manchmal kam ein Musikant oder Sänger auf den Hof und wir warfen denen 2 Pfennig runter, schön in Papier gewickelt damit das Geld nicht in den Gully rollen konnte. Es war eine schwere Zeit, die Männer waren alle arbeitslos. Mein Vater verdiente sein Geld als Gelegenheitsarbeiter, mal als Markthelfer, als Möbelpacker und Träger, einen Sommer lang als Bademeister im Freibad. Dann sagte er: jetzt lasse ich mir die Fresse beim Boxen polieren für Geld. Um Göttingen waren Gartenlokale zum Kaffee trinken, aber nicht für uns. Die Frauen aus denm Hinterhaus gingen zum Rowe, das heißt Rons war Tabu. Wir blieben auf der Spielwiese unter dem Rons, die Wiese gehörte der Kirche. Auf der Wiese stand eine Laube mit linken Kohlenherd und Wasserkessel darauf. Hier können Familien Kaffee kochen ganz um sonst, das haben wir auch und asen das unser mitgebrachtes Brot, Abends gingen wir zu Fuß wieder nach Haus, das war ein schöner Tag. Endlich war es soweit, Inge und ich wurden eingeschult.
             
               
               
Linkes Bild Info von der Bildrückseite - Dietas erster Schultag              
Rechtes Bild Info von der Bildrückseite -  Inge als ABC Schütze - Inge Riemenschneider Tochter von Minna - Minna Schwester von Karl Plaut              
               
Ich konnte kaum erwarten lesen zu lernen, damit ich die schönen Geschichten die Mama uns erzählte selbst lesen konnte!              

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Wir hatten alles was wir brauchten geschenkt bekommen. Zuckertüte mit Bonbon und 1 Banane, 1 Schiefertafel mit Griffel und 1 Dose mit einem nassen Lappen zum Tafel putzen. Ich ging gerne zur Schule aber als Arbeiterkindwar ich das letzte, ich konnte mich auch nicht so gut ausdrücken. Die Klassenunterschiede waren gewaltig. Wir waren Königreich Hannover mit Sitten nach englischem Vorbild. Die Kinder besserer Leute wurden vom Lehrer bevorzugt. Die kamen nach 4 Jahren auf die höhere Schule weil die Eltern das Schulgeld gezahlten konnten. Aber meine Zeugnisse waren gut.

Tante Marie
             
               
                
Info von der Bildrückseite - Tante Marie im Kriegsjahr 1917, Foto für Ehemann Robert, Zahlmeister im Krieg              
               
hat ihr Kommen angemeldet, sie wollte Mama bei der großen Wäsche helfen. Wäsche wurde nur alle 4 Wochen gewaschen, das war viel Arbeit. Der Waschkessel wurde geheizt. Dann kam zuerst die Tischwäsche ins Kochwasser, dann die Leibwäsche, danach die Buntwäsche und zuletzt die Strümpfe. Auch bei Frost wurde im ganzen aufgehängt. Es trocknete trotzdem. Wir Kinder liebten Tante Marie, sie war so freundlich brachte uns immer etwas mit, spielte mit uns Mensch ärgere Dich nicht und tat immer so vornehm, denn sie hatte einen Offiziersstellvertreter geheiratet,              
               
              
Info von der Bildvorderseite - Marie geborene Blümel und Robert Zick,--- 1914 ---              
               
stand also über uns. Die Erwachsenen waren              

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nicht so erfreut. Opa Blümel sagte sogar was will denn das schwarze Aas schon wieder hier, soll doch in Hannover bleiben.

             
              
Info von der Rückseite - Bei Tante Marie im Garten Frankstr              
               
Wir Kinder waren schon 2 Stunden bevor der Zug kam am Bahnhof. Es war viel zu sehen, Palmen in großen Töpfen, Pferdedroschken davor und die Leutedie aus den Zügen kamen. Vor dem Bahnhof war eine große Wiese bis an die Stadtmauer, ein breiter Wassergraben floss dadurch, den gibt es nicht mehr. Marie machte viel Wirbel, sie wollte alles nach ihren Vorstellungen gemacht haben. Diesmal gefielen ihr meine Zöpfe nicht, sie nahm mich und ging mit mir zum Frisör undllies mir einen Bubikopf schneiden. Als Papa nach Hause kam kriegte er einen Tobsuchtsanfall, sich mit Tante Marie anzulegen war er zu feige, ich musste wieder einmal die Schuld kriegen. Er nahm mich, ging mit mir zum Frisör und verlangte das er mir eine Glatze rasierte. Ich kann mich noch erinnern was das für ein Krach war, der Frisör wollte nicht, Papa wurde wütend. Ich kriegte eine Glatze rasiert, dann schickte er mich nach Haus, er verduftete zu seiner Schwester Minna. Als heraus kam was er gemacht hatte war er bei der ganzen Familie unten durch.              
               

 

             
Info von der Bildrückseite - Unter dem Hut war die Glatze, 1929 Dieta Plaut, Dorothea Plaut              

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Es tat ihm Leid, aber mir half das nichts, ich wurde in der Schule ausgelacht und gehänselt. Ich war schon traurig. Mutti schickte mich zu Oma Blümel und Opa, sie wohnten in der Düsterenstrasse 5 im Haus vom Malermeister Deneke.
             
               
              
Postkarte Vorder- und Rückseite              
               
Ich war sehr gerne bei Oma, ich schlief mit ihr in einem Bett, es war gemütlich, Oma roch immer gut, trotzdem wir im Winter nie unser Kleid auszogen, alles andere liesen wir an, denn es war sehr kalt, unser Atem am Bett war zu Eis gefroren und auch das Waschwasser in der Schale, aber Oma hatte ein Wasserleitung in der Küche, da wuschen wir uns. Vor dem Fenster war ein altes Brett, davor saß Opa und reparierte Uhren, fühlerartig von ihm. Im Wohnzimmer hingen viele Uhren die abgeholt werden mussten. In Omas Küche war viel los, Else Deneke durfte ausnahmsweise mit mir spielen, bei Oma, keiner war nervös wenn es zu eng wurde, Oma lehrte uns häkeln und stricken und wir durften uns selbst Puffer backen. Opa ging mit Else und mir viel spazieren. Er zeigte uns alle Sehenswürdigkeiten von Göttingen und er ging mit uns über die Wälle.              
               
                
Info von der Rückseite - Opa Blümel, August, Dieta und Dörchen, Sonntag Spaziergang, Göttingen 1932, Denkmal (Gauß und Weber)              
               
Oma nahm mich mit auf den Wochenmarkt, Gegenüber von Karstadt standen die Bauern ? die ganze Gronerstrasse nebeneinander mit ihren Kiepen voll Gemüse, Butter, Eier, Sahne, tote Hühner, Haus schlachte Wurst usw.              
               

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Oma lehrte mich, kauf nicht die Hühner mit den verkalkten Beinen, die sind alt. Nachmittags ging ich viel zu Inge spielen, sie wohnten in einem Studentenhaus als Köchin und Hausmeister. Inge

             
               
              
Bild und Rückseite - Info Bildvorderseite 4              
               
kannte sich aus, zwischen Säbeln das Gesicht blutig schlagen, denn war Onkel Fritz zu stelle um die Wunden zu versorgen. Jeder Student war Stolz über große Schmisse im Gesicht daran erkannt man gleich den Akademiker. Inge und ich durften als 7 Jährige allein zum baden gehen oder zu Opa Riemenschneider in seinen Garten, dort durften wir s viel Obst essen wie es ging. Ich durfte jetzt auch in der Neustadt auf der Straße spielen. Es gab viele Kinder dort, wir spielten Ball, Hinkekasten, Klappküsel und Verstecken. Wenn der Laternenanzünder kam mit einer kurzen Leiter über der Schulter, dann musste ich ins Haus. Der Laternenmann lehnte seine Leiter an den Laternenpfahl, kann zog er mit einem Haken mal rechts oder links und das Gas ging an oder aus.

Auf der Straße war nicht viel Verkehr, ab und zu kam mal ein Auto durch, meistens Pferd und Wagen, um die Pferdeäpfel zankten wir uns, denn die brauchten wir im Garten als Dünger.

             
               

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Morgens kam mit Pferdewagen der Milchmann, er hatte eine große Kanne Milch auf dem Wagen mit einem halben Liter Maß darin. Die Hausfrauen gingen mit ihrem Topf an den Wagen und sie bekamen so viel Milch sie brauchten. Diese Milch musste immer abgekocht werden.

Dann kam der Lumpensammler, er schrie immer: Lumpen, Knochen, altes Eisen kauf ich zu den höchsten Preisen. Der Honigverkäufer schrie immer Honig ….. und wir riefen: Honigmann was macht deine Frau? Und er rief laufend Honig ….. .

In der Schule war es gut, ich hatte eine 2 im lesen und Vortrag aber ich war sehr schüchtern. Es war schon wieder ein Kind in der Klasse gestorben, man sagte an der Schwindsucht, damals starben viele Kinder, es gab ja noch keine guten Medikamente.

Eine Überraschung war, wir worden zur Hochzeit eingeladen. Die Tochter von Mamas Cousine in Bovenden wollte heiraten. Da es auf Hochzeiten immer leckeres Essen gab, machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Bovenden.
             
               
              
Info von der Bildrückseite - Marie, Elly, Dorette, Dieta, Kusine aus Bovenden in Mariaspring              
               
Abends als wir satt und müde waren gingen wir nach Göttingen zurück. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Mama und ich gingen wie uns unsere Füße tragen.              

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Papa rannte mit Dörchen immer voran, dann warf er sie an den Armen in die Luft und sie liefen weiter. Am nächsten Tag konnte meine Schwester nicht mehr laufen, sie knickte immer mit den Beinen ein. Der Doktor sagte eine Hüftentzündung. Dörchen wurde in Gips gelegt. Sie bekam Gips um die Hüfte und eine Spreizhose um die Beine. Dann schrieb er ein Rezept für die rote Kreuz Küche für jeden Tag 1 Portion Essen, das musste ich jeden Tag im Henkeltopf abholten. Es begann eine schwere Zeit für uns alle. Dörchen lag auf der Liege im Wohnzimmer mit Blick auf den Hof, sie wollte beschäftigt werden. Bring mir Wasser, ich will die Puppenkleider waschen, ich will sie trocknen, mach eine Wäscheleine zwischen die Fenster, jetzt will ich bügeln, ich muss mal auf die Bettpfanne, nun kannst du mal singen. Alle 4 Wochen musste sie zur Kontrolle und wir hofften die kriegt den Gips ab, aber sie wurde ihr erst nach 6 Monaten los. Die Freude war bei allen groß, ein Bein war etwas dünner geblieben, es fiel nicht groß auf. Ich ging wieder zu Oma und Opa Blümel
             
               
              
Info von der Rückseite - Oma Blümel und Opa August Blümel              
               
mich zu erholen. Wenn wir einen Schulausflug machen wollten sagte der Lehrer zu mir, frag mal deinen Opa ob er mit will. Dann hatte der Lehrer es gut, denn Opa wusste              

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jedes Dorf mit Namen, er kannte jede Blume und jeden Baum und alle Tiere im Wald. Die Lehrer hatten es gut wenn Opa mitkam, es hatte sich herumgesprochen, kein Schulausflug ohne Opa.

Opa Plaut dagegen hatte eine Freundin, er frug Inge und mich oft: wollt ihr mit zu Tante Hanne. Da wir ahnungslos waren gingen wir gern mit, sie war sehr lieb, wir durften mit ihren Geld spielen, sie hatte eine großen Karton voll, Tausender, Millionen, Billionen, alles nichts mehr wert. Tante Hanne kam aus Ostpreußen als Flüchtling im 1. Weltkrieg. Sie arbeitete in der Badehaus Abteilung Wannenbäder. Da die Menschen keine Badeschale hatten aber es öfter mal sein musste, gingen sie ins Badehaus, dort saßen sie in langer Reihe bis sie an die Reihe kamen, jeder 15 Minuten in der Wanne, dann machte Tante Hanne die Wanne sauber, ließ neues Wasser rein für den nächsten Dreckspatz. Da sie einige Wannen hatte, war es eine schwere Arbeit. Opa zog mit Tante Hanne später in die Neustadt, Vorderhaus links. Es wurde nicht gern gesehen, denn Oma Anna hat die beiden Häuser mit in die Ehe gebracht. Ihr Vater war ein Handwerksmeister. Oma hatte auch ein wunderschönes Biedermeier Esszimmer als Aussteuer mitbekommen.

             

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Besonders der Sekretär hat uns begeistert. Er hatte alles kleine Schubladen, da lagen viele schöne Sachen darin. Oma erlaubte uns darin zu kramen. Es gab schöne Postkarten, Strick- und Häkelmuster, Sammelbilder und Lachbilder, damit konnte man schön tauschen spielen. Das schönste waren aber die kostbaren Fächer aus Federn, Perlmutt und Elfenbein. Wo ist alles geblieben? Oma starb 1934. Inge und ich waren untröstlich, es war unsere erste Beerdigung.

Urlaub-Ferien, das ließ Verwandtenbesuche machen! „Hannover“ und „Immensen-Arpke“. 
             

 

             

             

Info von der Bildrückseite - Dieta und Dörchen mit Mutti Arpker Bahnhof

             

 

             

Wir sparten schon dafür, denn mit dem Zug fahren bis nach Hannover kostete 4 Mark, es dauerte 3, 4 Stunden. Wir nahmen den Bummelzug, er hielt an jedem Bahnhof, die erste Haltestelle war Wende. Usw. In Hannover wurde uns viel geboten, Robert Zick war pleite mit seiner Kneipe, die Familie sagte: er war immer sein bester Gast. Sie wohnten gleich am Beginn der Herrenhäuser Allee. So gingen wir abends immer die Allee lang. 1 Km bis zu den Gärten dann drehten wir um denn es kostete Eintritt. Es gab viel Trinkhäuschen und wir ruhten uns aus und bekamen ein Glas Buttermilch, dazu aßen wir unser Abendbrot. Wir fuhren auf den Maschsee in einem Schiff, gingen zum Schwimmen mit Onkel Robert, wir gingen in den Tierpark, dort

             
               

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kamen die Rehe an den Tisch und klauten den Kuchen. Am besten war der Zoo, wir hatten so viel Spaß und kannten uns nicht ?.

Tante Marie bekam von Onkel Robert 10 Mark Haushaltsgeld die Woche, viele Frauen wussten damals nicht was die Männer verdienten. Robertchen war S.A. Mann geworden bekam eine Arbeit in der Stadtverwaltung.
             
               
              
Info von der Bildrückseite - Robert und Marie              
               
Er rauchte 10 Zigaretten pro Tag, aber Marie musste sie gedreht und an geleckt haben. Der schönste Urlaub war für mich aber bei Tante Laura in Immensen Arpke. Sie hatte ein schönes Haus, Villa Laura, darin bekamen wir ein schönes Zimmer mit einer Gaube. In Arpke fing die Lüneburger Heide an, es war alles Sandboden und Tannenwälder. Schlimm waren nur die vielen Fliegen und Mücken. Jeden Abend nach dem ?, fegten wir eine große Schaufel voll zusammen. Tante Laura hatte eine großen Hühnerstall 3x12m, aber die Hühner durften draußen scharren. Sie hatte ein ?Ofen und es wurden laufend kleine Küken produziert. Wenn die Hähnchen ein bestimmtes Gewicht hatten wurden sie geschlachtet und wir saßen alle und rupften. Ich konnte sie am besten ausnehmen da ich kleine Hände hatte. Onkel Georg nahm die Hähnchen mit nach Hannover in sein Hotel.
             
               
              
Diese Stücke wurden aus dem zerbombten Hotel geborgen.              
               
Bahnhofstrasse 4 gleich dem Hauptbahnhof gegenüber.              
               

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Er kaufte auch Milch und Butter von Tante Lauras Kuh und Enten von ihrem Teich hinterm Haus. Ich ging am liebsten mit eine Korb in den Stall und suchte die Eier aus dem Nest. Außer uns waren noch die Kinder von Onkel Georgs Bruder da und dann auch noch Lisa, Elly und Mimmi. Tante Lauras Töchter,
             
               
              
Postkarte Vorder- und Rückseite Familie Knüppel
             
               
die waren schon erwachsen und hatten andere Interessen. Lisa bekam ihr 1. Auto. Ein Zweisitzer mit hinten einer Klappe, da wurde ich oft mitgenommen, ich denke es war ein Adler.              
               
              
Info von der Bildrückseite - Lisa Schrage geb. Knüppel              
               
Egon und Fritz Schrage hatten sich Lisa und Elly in den Kopf gesetzt, weil sie dringend eine Geldspritze für ihre Fabrik brauchten, da kam George Knüppel in Frage. Wie machte er das bloß? Wenn die Erwachsenen sich unterhielten machte ich lange Ohren. So hörte ich dann das Onkel Georg und Tante Laura Gütertrennung hatten, aber das Onkel alles Geld an Tante Laura überwies. Tante Laura baute schon das 4. Haus alles auf ihren Namen, man nannte die Straße schon Knüppeldorf. Da verschwanden große Summen aus dem Hotel, was war, wenn die Steuer nach forschte wo das Geld, Hypotheken geblieben waren dann wurde angegeben in Baden Baden im Spiel Casino verspielt. Man brauchte nur die Eintrittskarte vom Casino vorweisen. Es geht doch nicht über einen guten Rechtsanwalt. !              

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Neuerdings hat er jetzt auch eine Jagt gekauft, das Graffhorn, darauf stand eine Jagdhütte, ein großer Raum, ? ? Bänke die man hoch klappen konnte darin lagen die Klamotten, davor Tische und 1 Küchenherd. Darüber ein Boden dort wurde Futter gesammelt für das Wild im Winter. Im Kriege war das unser Zufluchtsort wenn es in Hannover zu gefährlich wurde, dann war Heu auf den Boden und dort schlief die Familie wie die Ölsadienen. Aber das ist ein anderes Kapitel. Wenn die Zeit der Schießerlaubnis kam Reiste Opa Blümel zu Laura und er schoss viele junge Rehböcke, die Geweihe hatte er später in großer Zahl in seinem Wohnzimmer hängen.

Wenn ich von der Düsterenstrasse in meine Schule wollte musste ich die Gronerstrasse überqueren. Eines Tages bekam ich einen großen Schreck, es war ein großes Geschrei, man trat nur auf Glasscherben. Die S.A. Männer waren dabei und schlugen alle Scheiben in den Geschäften kaputt. Ich weinte und lief zu Opa und Oma zurück und erzählte alles. Opa sagte, das hätte er nicht machen sollen. Ich fragte wer Opa?. Es war 1933 und Adolf Hitler hatte die Macht ergriffen, wie man damals so schön sagte.
             
               
              
Info von der Bildrückseite - 10 Mai 1933 - Auftaktrede vor der Universität Göttingen
             
               
Und da stimmte auch! Wir merkten es überall, am meisten in der Schule.              
               

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Wir sagten bis jetzt immer, Guten Morgen Herr Lehrer, dann sangen wir ein Lied und gingen in die Klassen. Jetzt mussten wir Heil Hitler sagen und die Fahne hissen. Auch die Prügelstrafe wurde wieder eingeführt, das tat der Lehrer gern, er kaute mit seinem Stock immer auf den Handrücken und das tat weh. An der Wand im Klassenzimmer war geschrieben: Wer mal befehlen will muss erst einmal gehorchen lernen! Auf der anderen Wandseite stand: Hart wie Kruppstahl müsst ihr sein. Es wurde der Klassendünkel abgeschafft, alle werden gleich, er fing bei den Kindern an. Auch Arbeiterkinder konnten jetzt auf die Hochschule gehen wenn sie die Aufnahmeprüfung bestanden, den besser gestellten half kein Geld, sie kamen nicht aufs Gymnasium wenn sie die Prüfung nicht bestanden. Alle Jungen und Mädchen mussten in die Hitlerjugend und damit alle gleich aussahen bekamen wir eine Uniform. Schwarzer Rock, weiße Bluse, schwarze Krawatte mit einem Lederknoten und eine wunderbare Strickjacke. Ich war sehr stolz, mein erstes neues Kleid. Zweimal in der Woche mussten wir zum Dienst auch die blaublütigen Kinder und wehe wir kamen nicht, dann wurden wir geholt.


             

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Wir machten da unterschiedlichen Dienst mal mussten wir beim Bauern Kartoffelkäfer auf den Feldern absammeln, dann haben wir beim Heu wenden geholfen. Bei Regen haben wir gesungen und bei schönem Wetter im Wald Schnitzeljagd gespielt. Außer dem Kleid fand ich alles blöde! Ich wäre viel lieber zu Hause geblieben und hätte gelesen! Kein Problem mir etwas zu schenken, ich bekam immer nur Bücher. Ich hatte „Max und Moritz2, „Lies und Lehne“, alle „Nesthäkchen“ Bücher und „Trotzkopf Heidi“. Usw. Dann fing ich langsam an mit der „Gartenlaube“ und so arbeitete ich mich an die erwachsenen Bücher heran.

Mein Vater kam mit einer großen Überraschung! Er wollte uns ein Haus bauen. Es würden 20 Häuser gebaut mit Namen Stadtrandsiedlung. Es waren alles angelernte Handwerker verschiedener Berufe gefragt. Papa hat sich gemeldet und wurde angenommen als Klempner und Installateur! Die Handwerker mussten die Häuser selbst bauen, einer half dem anderen bis alle fertig waren.

             
               
              
Info von der Bildrückseite - Bau der Siedlungshäuser in der Stresemanmstr              
               
Damit es keinen Streit gab wurde am Schluss die Wohneinheiten verlost und damit musste wir einverstanden sein, auch mit dem Nachbau, Wir waren zufrieden das wir nicht die Holtenser Landstraße gekommen hatten, es wäre ein langer Weg.              
               
              
Info von der Bildrückseite - Richtefest der Stadtrand Siedlung 1932              

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Bis in die Stadt zur Schule war ein langer Weg. Ich durfte mal wieder, wenn ich Zeit hatte, mit dem Henkeltopf los und Vater Essen bringen.

             
              
Info von der Bildrückseite - Opa Karl Plaut Stresemannstr              
               
Es war weit und breit kein Haus, nichts außer Acker. Der Gärtner Eggers hatte seine große Gärtnerei und der Levinsche Park mit der Villa und den 2 leeren Pferdeställen die später als Wohnungen umgebaut wurden standen da. Zu unserem Haus gehörte ein großer Garten und einen Stall für Vieh. Aber wie hatten auch wieder ein Plumpsklo. Es wurde von den Vätern selbst geleert und als Dünger für den Garten benutzt. Es wurde meistens bei Schnee und Eis auf das Land verteilt, dann zog er bei der Schneeschmelze mit in die Erde. Opa und Oma Blümel waren begeistert und es stand fest,das sie mit in unser Haus zogen. Opa Blümel war zu der Zeit schon schwer krank. Magenkrebs, er starb bald darauf. Tante Laura und Marie kamen ihren Vater zu pflegen und zu bekochen, aber er konnte nichts mehr essen. So zog denn Elise bei uns ein. Sie hätte auch zu Laura oder Marie gehen können, aber sie wollte bei ihrer jüngsten Tochter bleiben.              
               

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Jetzt musste der Garten kultiviert werden, es gab meterhohe Brennnessel und Disteln darin, sie wurden zwar abgemäht und verbrannt aber Papa befahl mir das Land umzugraben aber immer schön die Wurzeln von dem Unkraut auslesen und in den Eimer tun, er wollte sehen wie viel ich darin gesammelt hatte. Es war richtige Schwerstarbeit. Ich hätte gerade gelesen, Kinderarbeit in Deutschland verboten. Ich ließ Papa das wissen, darauf bekam ich eine Ohrfeige. Ich war 12 Jahre alt als wir zum ersten mal alles aus dem Garten ernten konnten.

             
              
Info von der Rückseite - Oma Blümel, Mutter von Dorette Blümel dann Plaut              
               
Dann begann die große Arbeit das Gemüse für den Winter in Dosen einzukochen. Das Hühnerfutter, Gerste, musste ich in der Stadt kaufen, immer 1 kg, davon bekamen die Hühner täglich 1 Handvoll, Papa brachte zwei kleine Ferkel mit und meine Mutter und Oma musste sich sorgen die Familie und Schweine satt zu kriegen. Kartoffeln hatten wir genug aber die mussten jeden auf dem Küchenherd gekocht werden. Von Tante Marie kam die Nachricht das ihr geliebter Robert gestorben ist. Er saß ganz plötzlich tot in seinem Sessel. Der Arzt stellte Diabetes fest. So wurde Tante Marie mit 50 Jahren schon Witwe. Gerade war Onkel Robert als Beamter bestätigt worden.              
               

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Ein Segen für Tante Marie, so bekam sie Beamtenrente und konnte gut davon leben. Sie belästigte nun die Familie ringsherum, z.B. jeden Donnerstag bei Elli zum nähen und Strümpfe stopfen. Als Tante Laura an der Tür klingelte wurde sie von Tante Marie gefragt was sie hier wolle? Tante Laura sagte: Du gestattest das ich meine Tochter besuche!

Ein besonderes Erlebnis war, wie „Graf Zeppelin“ ganz langsam über Göttingen flog. Alle Leute liefen auf die Straße und sahen nach dem was für ein Wunder! Mein Vater hat wiede3r einen festen Arbeitsplatz. Plötzlich suchte uns Papas Lehrmeister auf und frug ob Papa wieder bei ihm arbeiten will, denn er wollte seinen Betrieb wieder eröffnen. Papa bleib bis zum Rentenbeginn in der Firma.

Schlachtfest Mama hat es geschafft 2 Schweine a 3 Zentner zu füttern, aber nun wollten wir sie auch essen. Ein Schwein wurde verkauft mit den anderen musste Papa und Mama zu Schlachthof. Ich weiß nicht wie das Schwein in den Handwagen gekommen ist und wie sie das Vieh auf den Wagen halten konnten. Dabei war noch Schnee, weil immer ? Im Winter geschlachtet würde wegen der Haltbarkeit der Wurst.

             

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Tante Marie und Tante Minna waren zum helfen gekommen. Der Hausschlachter kam mit seine Maschinen, fehlte nur noch das Schwein. Der Waschkessel wurde geputzt, das Wasser kochte schon für das Fleisch. Endlich kamen sie und der Schlachter zerteilte das Schwein und es kam in den Kessel zu kochen. Zum Mittag gab es Sauerkraut und frisches Kesselfleisch. Wir bekamen viele Würste, Mettwurst, Schwartenwurst, Leberwurst, Rotwurst usw. Wir machten alles in Därme aber auch in Dosen. Mit den Dosen musste ich wieder zum schließen. Die Nachbarn kamen mit ihren Kochtöpfen und holten sich Fleischbrühe. Ich will keinen langweilen mit meinem Schlachtfest aber es war ein schwerer Tag. Wir fielen abends wie tot ins Bett. Minna auf der Kücheencaise, Marie bei Oma. Am nächsten Tag ging es weiter, da wurde das Fett aus gebraten und als Schmalz in die Töpfe getan. Die Speckseite wurde gesalzen und aufgehängt und dann musste die fettige Waschküche geputzt werden. Wir hatten nochmal ein zweites Schlachtfest aber dann nie mehr.

             
               

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Plötzlich bekamen wir Hochwasser in unser Haus, das Wasser stieg und stieg. Wir lebten in einem großen See, Wasser von Göttingen bis Grone. Es war beängstigend, ich wartete im Keller um unser Eingemachtes zu retten. Alles Schwamm im Wasser, auch der Inhalt der Klos. Das Wasser stieg bis handbreit unter den Küchenboden. Als Hochwasser zurück ging wurden die Jungens vom Reichsarbeitsdienst geschickt, sie mussten eine Kanalisation ausschachten ganz die Straße runter und dann noch von jedem Haus zum Abfluss. Gleichzeitig bauten Truppen vom Arbeitsdienst die Autobahn. Nachdem die Autobahn fertig war hatten wir nie mehr Hochwasser, Woran das lag wussten wir nicht.

Ich durfte jetzt auch allein mit dem Zug nach Hannover fahren. Tante Marie wurde per Postkarte benachrichtigt mich vom Bahnhof abzuholen, hoffentlich hat sie die Post zu Zeit bekommen. Tante Marie war da und wir stiegen gleich um in den Zuchnach Immensen zu Tante Laura. Lisa, Elli und Mimmi waren zu der Zeit schon verheiratet unwohnten in Hannover mit Lisa konnte ich mich am besten verstehen und ich habe sie oft besuchte. Elli war die Sanfteste, sie war immer freundlich.


             

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Mimi hat Gerd Steinemann geheiratet, einen Angeber ohne Vermögen, eine Windhund! Tante Laura freute sich das sie mal wieder Gesellschaft hatte und neues hören konnte. Onkel Georg machte noch immer Geschäfte z.Zt. wares mit Lisas Auto über Land. Er hatte ein ganz schönes Gewicht bestimmt über 100 kg. Sein Auto blieb plötzlich stecken, keine Hilfe weit und breit. Er lieh sich ein Fahrrad von dem Bauern, ließ sein Auto als Pfand da stehen und machte sich auf den Weg ins nächste Dorfgasthaus in der Hoffnung das da ein Telefon ist um eine Werkstatt anzurufen. Er bestellte sich ein kühles Helles,trank es aus und ging dann in die Telefonzelle. Dort brach er tot zusammen, Herzinfarkt. Das war sein schreckliches Unglück. Jetzt waren schon drei wichtige Männer aus unserer Familievondem Krieg aus unserer Familie weg.

Tante Laura, Lisa, und Elly verzichteten auf das Erbe von Onkel Georg. Mimi und Gerd nahmen das Hotel und wollten damit reich werden, aber das ging nicht, weil sie zu überheblich waren. Tante Laura gab ihren Bauernhof auf, sie lebte gut von den Mieteinnahmen ihrer Häuser. Sie verstand sich sehr elegant zu kleiden und sie machte viele Reisen.


             

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Inge und ich waren jetzt 14 Jahre alt und wir wurden aus der Schule entlassen. Wir hatten Konfirmation, das war ein wichtiges Familienfest. Die ganze Verwandtschaft rückte an. Man bekam schöne Geschenke, Damenschuhe, seidenen Unterrock, Strümpfe wo immer Laufmaschen reinkamen auch Geld usw. Von Tante Minna bekam ich eine Wintermantel den ich so nötig hatte. Es war gerade Schlussverkauf, ich stand mit Tante Minna schon 1 Stunde vor der Eröffnung vor dem Geschäft und dann stürmten wir rein. Von Opa Plaut bekamen Inge und ich eine Halskette mit Granaten. Jeder der eine Glückwunschkarte oder Blumen brachte bekam ein Stück Kuchen, aber der musste erst gebacken werden.

Mama machte eine guten Hefeteig von 5 Pf. Mehl. Sie kochte eine Brei mit viel Schmand. Dann wurde alles auf dem Handwagen geladen, dazu kamen noch Butter, Zucker und Mandeln und viel Obst und wir zogen damit zum Bäcker. Der Bäcker rollte den Teig auf seine großen Kuchenbleche dann bekamen wir sie zurück zum belegen mit dem Vermerk, vergesst nicht das Erkennungszeichen. Dann mussten die Kuchen nochmals gehen und dann wurden sie gebacken. Abends konnten sie abgeholt werden.


             

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Da Inge reformiert war, wurde noch einmal Konfirmation gefeiert. Ich genoss erst einmal meine Schulfreiheit und stromerte in Göttingen umher, dort gab es viel zu sehen, am liebsten schaute ich den Zeichnern über die Schulter, Sie saßen an jeder Ecke, zeichneten alte Häuser und Kirchen, man wunderte sich wie schnell das ging. Ich wollte es auch gen können, aber ich hatte kein Talent. Einige Bilder der Zeichenkunst hängen noch bei uns auf dem Flur. Dann waren da noch die Männer aus dem ? Mit ihren Tanzbären. Die waren in schweren Ketten gelegt mit Maullaub und sie mussten tanzen, es war eine große Tierqual, heute undenkbar. Am Schönsten waren die Drehorgelspieler, sie hatten auch einen Affen auf der Schulter sitzen, er sammelte Geld in einen Hut. Aber das schöne Leben war nicht von Dauer, da kam schon die Frage: Hast du dir schon mal überlegt was du einmal werden willst und wo du arbeiten möchtest? Aber eine 14 jährige weis das natürlich noch nicht und so kam ich in die Fabrik Schneider am Heinekanal. Dort musste ich optische Linsen mit Spiritus polieren. Gefiehl mir aber nicht. Inge blieb bei Tante Minna als Hilfe in ihrer Grasküche.


             

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Ich meckerte zu Hause -rum ich möchte lieber Sekretärin werden. So wurde ich dann in der Prager Schule angemeldet um Schreibmaschine und Steno zu lernen. Damals waren weibliche und männliche Berufe streng getrennt. Für Frauen kam nur Köchin, Näherin, Kindergärtnerin, Haushaltshilfe, Krankenschwester ab 18 Jahre usw. in Frage. Ich war erst 6 Monate in der Prager Schule da bekam ich eine Brief, ich musste erst Pflichtjahr im HuashHuashaltisten bevor ich an einen Beruf denken kann. Ich soll mich sofort melden in Etagenborn,im Haushalt von Lehrer Arends. Bei Frida Arends war ich in den richtigen Händen. Frieda war Frau Saubermann in Person. Sie war ein Beamtentochter aus Wölmershausen und nun hat sie noch 10 Jahren Ehe endlich einen Sohn bekommen, da kam sie nicht mit klar, musste ich übernehmen. Ich hatte vollen Famileinanschluß, bekam gutes Essen, ein eigenes Zimmer und habe viel gelernt, hauptsächlich Kochen, da immer genug da war aus dem elterlichen Bauernhof. Frau Saubermann brachte mir bei wie ein Oberhemd prima gebügelt wurde und wie man Wäsche auf der Wiese legte zum bleichen, damit die Nachbarn sehen konnten wie weiß ihr Wäsche war.


             

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Meiner Mutter hat es keine Ruhe gelassen, sie wollte sehen ob es mir gut ging. Sie kam mit der Bimmelbahn bis Reinhausen dann bis zu Fuß n ach Etzenborn. Als Frau Arends hörte das Mama Teistungen aufgewachsen war haben sie gleich einen Klönkaffee veranstaltet und waren gute Freunde. Mama war mit meinen neuen Zuhause einverstanden und abends brachte ich Mama auf meinen Fahrrad-Gepäckträger nach Reinhausen zurück, von dort fuhr sie mit der Kleinbahn wieder nach Göttingen. Alle 2 Wochen hatte ich ein freies Wochenende und fuhr mit meinem Fahrrad nach Göttingen. Unterwegs las ich noch Falläpfel auf und kochte in Göttingen gleich Apfelmus davon.

Ich war noch nicht 1 Jahr bei Arends bekam ich einen Brief, ich werde zum Arbeitsdienst einberufen und möchte mich dann und dann in Handau im Dillkreis melden. Dort wurden wir eingekleidet und wir bekamen den Befehl die Ernte einzubringen im Niemandsland.

             
               
              
Info von der Bildrückseite - Dieta im Arbeitsdienst 16 Jahre alt,1940              
               
Wie schliefen in den Bunkern die von den Soldaten bewohnt waren welche die M.linie gebaut hatten. In den Bunkern lag halb verfaultes Stroh da schliefen wir drauf. Es wimmelte von Mäusen die uns nachts Löcher in die Nachthemden fraßen, aber wir waren müde.              
               

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Plötzlich über Nacht hatten wir Krieg. Die Deutschen waren in Polen einmarschiert und auch eingenommen.

Das war das Ende meiner schönen Kindheit jetzt kam die schreckliche Jugendzeit.

             
               
              
               
               
Für ein weiteres Kapitel reichte ihr die Zeit nicht.              
               
Was ich von ihr erzählt bekommen habe:

- Die Heirat mit Hans Joachim Herberts.
- Die Geburt von Jochen.

- Dieta ist 4 Monate vor Kriegsende mit Jochen durch einen Bombenangriff in Hannover verschüttet.
- Jochen bleibt sein ganzes Leben geistig und körperlich behindert.
- 2 Monate vor Kriegsende stirbt ihr Mann irgendwo als Soldat.

- Sie heiratet den ehemaligen Kriegsgefangenen Stanislav Velomirovic.
- Die Geburt von Paul.
- 10 Jahre Auswandererdarsein in Australien.

- Die Rückkehr ins Elternhaus zu Eltern, Schwester und deren Familie.
- 3 Jahre lang mit 7 Kindern und 6 Erwachsenen auf 90 m2.
- Eine Krankenschwesterausbildung in Göttingen.
- An- und Neubau am Elternhaus.

- Behütetes begleiten der Werdegänge ihrer Söhne Jochen und Paul

- Pflegebedürftigen Sohn und Eltern, zuletzt eine demente Tante
- Die Arbeit als Krankenschwester im Schichtdienst.
- Anfang der siebziger bis in die achziger Jahre schweren Alkoholkonsum.

- Der Stolz auf ihre Enkelin Felicitas.

- Nachdem Dieta erst ihren Sohn Jochen dann später ihren Mann Stani beerdigt hatte, verbrachte Dieta 6 Jahre im Altenheim.

- Ihr Tagesrhythmus in ihrem Zimmer,
- 12 Stunden im Bett,
- 12 Stunden fast immer gewollt alleine im Rollstuhl.
- Lesen, kaum Fernsehen, kaum raus, wöchendlicher Besuch von Paul

- 2 Tage vor ihrem Tod wollte ein junger Arzt noch lebensverlängernde Maßnahmen einleiten.

Dies hatte sie energisch abgelehnt.
             
               
               
               
Anmerkung:              
Vieles hat mich erstaunt, anderes erschreckt und einiges abgestoßen.
Das der Mann meiner Großtante Marie ein dummer Kneipenmann war, 3 Kneipen in den Sand gesetzt hat ist eine Sache. Das aber dieser Mann, durch den Eintritt in die S.A. einen Posten als Beamter bekam, ist widerlich. Und das wir 47 Jahre lang, eine hohe Beamtenpension an Marie gezahlt haben, ist menschenverachtend.
             
               
Erschreckt hat mich auch, dass Dieta kein Wort über Juden schreibt. Ihre Urgroßmutter war Jüdin, sodaß ihr Vater als 1/4 Jude weniger Rechte hatte.              
               
Was ein 10 jähriges Arbeitermädchen gefühlt hat, als die Nazis die Schulen übernommen haben ist auch interessant.
             
               
Sie hatte mir erzählt, dass sie die Nazileute für ewig verachtet, die Toten und die Lebenden.               
               
               
               
Liebe Tante Dieta,
             
deine Lebensleistungen achte ich sehr.
             
               
Dein Neffe Rüdiger              
               
P.S.: Deine kleine Schwester Dorothea Gums geb. Plaut hatte deine Jugenderinnerungen gelesen. Das meiste deckte sich mit ihren Erinnerungen. Kurz vor ihrem Tod gab sie eine dir wohl bekannte Weisheit von sich.
             
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